Reisebericht: Guerilla Bike-Packing von Wuppertal nach Dahme
Da ist keine Freud‘ in sinnlos‘ fun.
— Simon Villa Ramirez.
Alle in diesem Blog aufgeführten Inhalte sind frei erfunden und haben nie in dieser Form stattgefunden. Ähnlichkeiten von Personen oder Unternehmen in diesem Blog mit tatsächlich existierenden natürlichen oder juristischen Personen sind reiner Zufall. Alle Bildaufnahmen wurden gestellt.
Motivation
Die Idee entstand an einem Mittwoch – war zu dem Zeitpunkt noch ein Gedankenspiel – und festigte sich dann am Donnerstag. Das war 2 Tage vor Urlaubsbeginn, 4 Tage vor Reisebeginn. Davon war ein Tag ein Sonntag.
Ich musste ausbrechen aus dem zivilisatorischen Zirkuszelt voller iPhones, Audis, Privatfernsehsendern, der Jagd nach Geld und materiellem Luxus und ständiger, leicht verfügbarer Zerstreuung aus der neoliberalistischen Konserve. Den Körper wieder spüren, meine verfettete Seele auf Kur schicken – und mal sehen wie weit ich komm’.
Das Zeitfenster dafür ging vom 12.08.19 bis 17.08.19. Montagfrüh hatte ich noch einen Physio-Termin und am Sonntag war ich mit zwei Freunden für ein Konzert von „Evergreen Terrace“ in Köln verabredet. Dazwischen hatte ich Zeit für meine Schnapsidee.
Das Ziel sollte durch eine natürliche Grenze klar greifbar sein. Meer eignete sich dafür ganz prima. Da gab’s zwei die in Frage kamen: Nord- und Ostsee.
Mit der Nordsee verbinde ich keine starken Erinnerungen, die Ostsee allerdings liegt mir wegen einer Beziehungskiste bleiern im Magen. Also ab an die Ostsee nach Dahme (Holstein) zum Reinemachen.
Ziel und Bedingungen
Das konkrete Ziel war dann schnell definiert: mit dem Fahrrad nach Dahme, über den Deich gegenüber vom Campingplatz „Stieglitz“ und mit den Füßen in die Ostsee stellen.
Abschnitte per Bus, Anhalter, oder mit dem Zug zu fahren entfällt. Und: die Nächte werden nicht in Gebäuden oder fliegenden Bauten (Zelten) verbracht. Also keine Hotels, Herbergen, Gästezimmer, Campingzelte, usw. Sollte mich niemand auf seinem Grundstück mein Nachtlager aufschlagen lassen, würde ich Wild-Campen – was in diversen norddeutschen Bundesländern Ordnungswidrigkeiten darstellt.
Jeglicher Müll wird immer mitgenommen und in Mülleimern entsorgt, ausgenommen er ist zu ökologisch abbaubar (z.B. Kekskrümel). Unnötiger Lärm und Flurschäden werden vermieden.
Beschaffungen über 5,00 € für das Fahrrad oder sonstige Ausrüstung sollten ebenfalls nicht möglich sein. Lediglich für Speis’ und Trank’ sollte es keine Obergrenze geben.
Zu mir:
(Technische Daten)
- 175 cm groß, 70 kg schwer, 33 Jahre alt.
- Überdurchschnittliche Fitness mit dem Schwerpunkt auf Vollkontakt-Kampfsport und propriozeptives Training – vorwiegend mit dem eigenen Körpergewicht.
- Komplexe Schulter-OP vor ca. 9 Wochen.
(Fähigkeiten und Erfahrungen)
- Kaum Fahrradfahr-Erfahrung – ich saß zuletzt vor etwa einem Jahr für ca. 30 Minuten auf dem Drahtesel.
- Grundkenntnisse in der Fahrrad-Instandsetzung – Schlauch-, Mantel- und Kettenwechsel wären unter größerem Zeitaufwand machbar, aber nicht kopfüber mit verbundenen Augen unter Wasser während ich mit brennenden Pfeilen beschossen werde.
- Ausgeprägte Kenntnisse im Biwakieren und im Durchstehen von physischen und psychischen Grenzerfahrungen durch viele Jahre bei der Fallschirmjägertruppe.
- Handwerklich nicht sonderlich geschickt, dafür ein Ass im Umgang mit Tape, Schnur und Kabelbindern. Improvisation ist mir also nicht fremd.
- Kann alles essen, kann überall schlafen.
- Sprachenkenntnisse: Deutsch, Englisch, Französisch (gerade so), Italienisch.
Zum Fahrrad:
- 26“ Merida Hardtail MTB
- Shimano Deore XT Hardware
- Tubeless-Mäntel mit grobstolligem Profil
- Steht seit ca. einem Jahr ungepflegt und unbewegt im Keller
- Keine separaten Gepäck-/Lastenaufnahmevorrichtungen, wie z.B. Gepäckträger
- Satteltasche mit 4 Liter Fassungsvermögen und wasserdichtem Innenbeutel
- Front- und Heckleuchte, abnehmbar, batteriebetrieben (AAA) + Ersatzbatterien
Vorbereitungsphase
Navigation/Orientierung
Zuerst musste eine Route her. Ich habe mich nach kurzer Zeit gegen die Orientierung mittels analoger Landkarte, für die Navigation per Smartphone-App „Komoot“ (Vollversion mit Offline-Kartenmaterial für 30,00 € im App-Store) entschieden. Ausschlaggebend war der Fakt, dass es bei der Orientierung mittels Landkarte zu häufigen Reiseunterbrechungen kommen würde, die, zusätzlich zum Aufwand der ständig neu durchzuführenden Positionsbestimmung, an meinen Kräften zehren und mein Nervenkostüm belasten würden.
Immerhin lag eine Strecke von ca. 504 km vor mir, bei der die Ruhephasen nur sehr grob geplant werden konnten (á la: „ich werde wohl irgendwann heute Abend schlafen. Wo und wie lange weiß ich nicht. Möglicherweise werden mich Förster, Jäger, Cops, Landwirte, etc. verjagen wollen, und es kann sein dass es nass wird.“). Da galt es die sonstigen Umstände so stressfrei wie möglich zu gestalten.
Kurz alles zur Navigation einmal aufgelistet:
- Smartphone Google Pixel 3 (nur als Navi, nicht zum Daddeln)
- App „Komoot“ als Vollversion mit Offline-Kartenmaterial der Route
- Powerbank, 20.000 mAh Leistung
Schlafphasen
Da die Wettervorhersage für die Reisewoche gemäßigte Temperaturen im Mittel von etwa 19°C, sowie die ganze Bandbreite von „Heiter bis Wolkig“ bis „Unwetter“ vorhersagte, stellte ich mich für die Nächte auf „nass“ und „nicht-lebensgefährlich kalt“ ein. Sollte es durchregnen und ich bis auf die Knochen nass sein, würde ich das wohl (miesgelaunt) überleben. Ich bin ja nicht aus Zucker – Ich bin aus Wuppertal.
Um mein Gepäck schmal zu halten, entschloss ich mich zu folgenden Schlafzimmermöbeln:
- Tarp, 5-Farben-Flecktarn (2,5m * 1,5m)
- ½ Isomatte, braun
- Schlafsack, Carinthia, oliv-braun
- Netz-/Notfallhängematte, oliv
- 4 * Expander, grün
- Petzl Stirnleuchte mit abklappbarem Rotfilter, batteriebetrieben (AAA) + Ersatzbatterien
Das Tarp war in den Weiten meines Keller-Dungeons nicht wiederzufinden und ein Neukauf kam nicht in Frage – da war ich trotzig. Das Ding musste doch irgendwo sein. Durch Zufall haben mir zwei Freunde am Tag vor der Abreise eine Baumarktplane (oliv, glänzend, ca. 1,5m * 1,25m) in die Hand gedrückt. Das musste dann reichen.
Verpflegung
Ich habe mich darauf eingestellt, einen höheren täglichen Kalorienumsatz zu haben als bei meiner üblichen 6-mal-pro-Woche-Trainingswoche. Ebenfalls würde ich mehr trinken müssen.
Ich hatte also immer Müsliriegel dabei, die ich in unregelmäßigen Abständen als Snack essen würde. Zusätzlich zu den festen Mahlzeiten Frühstück, Mittag- und Abendessen die ich spontan in Geschäften, Bistros und Supermärkten beschaffen würde, würde das bestimmt genug sein um meinen Kalorienhaushalt zu decken.
Da ich meine Neigung zum übertriebenen sportlichen Ehrgeiz gut kenne, habe ich mit Sperrbeständen gearbeitet, um mich zur Beschaffung von neuer Verpflegung zu zwingen und nicht dem „noch fünf Kilometer, dann sorge ich für neuen Nachschub“-Verhalten zu verfallen.
Ich hatte 10 Müsliriegel im Rucksack und mindestens 2 Riegel in der Beintasche. Fürs Wasser hatte ich eine 2-Liter-Blase mit Schlauch und eine 1-Liter-Blase ohne Schlauch. Sobald ich an die Beintasche, oder an die Blase ohne Schlauch gehen musste, lag die oberste Priorität auf der Beschaffung von neuer Verpflegung.
Die Verpflegung die ich also mitführte, sah wie folgt aus:
- 12 * Müsliriegel (2 * in der Beintasche, der Rest im Rucksack)
- 3 Liter Wasser (2-Liter-Blase mit Schlauch, 1-Liter-Blase ohne Schlauch)
Hygieneartikel/Körperpflege
Möglichkeiten zur Katzenwäsche würden es an jeder Tankstelle geben, weshalb ich mich ausschließlich dort und nicht im Freien/im Nachtlager ohne Wasseranschluss waschen würde. Das hat nicht damit zu tun, dass ich Lust darauf hatte wie ein vollgepisster Schuhkarton in dem zwei Penner ficken zu riechen, sondern damit, dass Trinkblasen-Wasser ein begrenztes, kostbares Gut sein würde das während der Reise ausschließlich zur Hydration eingesetzt werden sollte.
Zur Beseitigung von Fettresten nach dem Rumwerkeln am Fahrrad, sowie zur Reinigung nach der unaufschiebbaren Notdurft im Wald hatte ich ein kleines Päckchen Feuchttücher dabei.
Zahnbürste und Zahnpasta durften selbstverständlich nicht fehlen. Das Zähneputzen stellte die einzige Ausnahme dar, Trinkblasen-Wasser für etwas anderes zu verwenden als zum Trinken.
Ein Kondom und einen Tampon hatte ich ebenfalls dabei, aber nicht aus Gründen der Hygiene, sondern um im absoluten Notfall zusätzliches Wasser über kurze Strecken transportieren zu können und um Zunder für eine Not-Feuer zu haben.
Alle Hygieneartikel noch einmal zusammengefasst:
- Feuchttücher
- Zahnbürste
- Zahnpasta
- Kondom
- Tampon
Erste Hilfe
Um bei Verletzungen die notdürftigste Versorgung sicherzustellen, hatte ich wasserdichte Pflaster, ein paar Kompressen, Verbandszeug und Paracetamol dabei. Eine Rettungsdecke war ebenfalls eingepackt – zum Wärmeerhalt, aber vor allem um durch die glänzende goldene und silberne Oberfläche Rettungskräfte auf mich aufmerksam zu machen, falls ich aufgrund der Verletzungen nicht anderweitig auf mich aufmerksam machen könnte.
Vaseline durfte ebenfalls nicht fehlen. Das ist ein prima Mittel um Scheuerstellen (im Schritt, in den Achseln, etc.) zu schmieren und einen provisorischen „Schutzfilm“ auf großflächigen Wunden aufzutragen, damit sich kein weiterer Schmutz in der Wunde sammelt.
Und hier als Stichpunkteaufzählung:
- Pflaster, wasserdicht
- Kompressen
- Mullbinden
- Paracetamol
- Vaseline
Instandsetzung/Werkzeug
Da das Radl nun schon ein Weilchen im Keller stand, war die Milch in den Tubeless-Rädern wohl schon trocken. Bei einer Beschädigung des Mantels gab es also keine „Selbstheilungskräfte“ mehr. Für mich zeigte sich keine andere Möglichkeit einen platten Reifen zu reparieren, als den Tubeless durch einen Schlauch und neuen Mantel auszutauschen. Das bedeutete deutlich mehr Gewicht im Rucksack.
Die Kette war ebenfalls in erbärmlichem Zustand und die Ritzel sahen so gleichmäßig aus wie die Zähne eines Mitglieds der englischen Königsfamilie. Also musste eine Ersatzkette her. Ergo: mehr Gewicht im Rucksack.
Natürlich durften Fahrrad-Tool, Kettennieter, Reifenheber, Luftpumpe und Öl dann auch nicht fehlen. Das musste dann auch alles in… richtig: den Rucksack.
Zusätzliches Material zum Improvisieren wollte ich ebenfalls dabei haben. Man weiß ja nie. Außerdem war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst, was für Auswirkungen das Gewicht des Rucksacks auf mein Wohlbefinden haben würde. Beim Militär war meine Ausrüstung wesentlich schwerer – dass es ein Fehler war mein Marschgepäck für diese Reise als Referenzwert zu nehmen, zeigte sich in den folgenden Tagen.
Zur Instandsetzung hatte ich also folgendes dabei:
- Ersatzschlauch
- Ersatzmantel
- Ersatzkette
- Fahrrad-Tool
- Kettennieter
- Reifenheber
- Luftpumpe
- Kettenöl
- Leatherman
- Textiltape, 3m Kaninchendraht, Isolierband, 2m Paracord
Kleidung und Rucksack
Ich entschied mich für ein einfaches, gewichtsparendes Bekleidungskonzept: ein Satz Kleidung muss von Montag bis Freitag reichen. Dazu gibt es noch Witterungskleidung und einen Reservesatz an Kleidung für die Rückfahrt.
Was die Kleidung angeht, trifft man auf viele unterschiedliche Philosophien. Der kleinste gemeinsame Nenner im Radsport ist aber fast überall gleich: Baselayer aus Merinowolle.
Ich war bereits während meiner Dienstzeit überzeugt von der Vielseitigkeit und dem Komfort der neuseeländischen Schafschurwolle, bin aus diversen Gründen aber von diesem dogmatischen Fahrradkleidungs-Vaterunser abgewichen.
[Anmerkung zu Merino-Produkten: bei besonders günstiger Merino-Kleidung wird in der Herstellung häufig ein Verfahren angewandt, das „Mulesing“ heißt. Hierbei wird den Schafen der Teil von Fell am Gesäß abgeschnitten, der mit Kot verklebt ist – dabei wird auch immer ein Teil des Gesäßes abgetrennt und unbehandelt gelassen. Da kann sich jeder selbst vorstellen ob das toll für das Tier ist.
Ein Longsleeve für unter 40,00 € sollte euch stutzig machen und zu Recherchen über den Hersteller animieren. Wenn der sich nicht klar gegen das „Mulesing“-Verfahren bekennt, habt ihr es mit einem der Arschlöcher zu tun, die zum Geldverdienen Tierquälerei in Kauf nehmen.]
Mein Baselayer bestand aus Merinosocken, kniehoch (600 den), Retro-Schlüppi, Laufleggins und Brynie-Netzunterhemd, kurzärmelig. Darüber kamen abgeranzte Nike Free-Sportschuhe, eine Wander-Shorts mit Seitentaschen und wasserabweisendem Gewebe, und mein von Motten bearbeitetes Lieblings-Baumfällerhemd, das nach der Reise wahrscheinlich nur noch als Putzlappen dienen würde.
Warum keine Merino-Leggins?
- Perlen vor die Säue. Die Reise würde sehr belastend für das Material werden – die Ausrüstung musste entweder robust oder irgendwie geschützt sein, oder ich musste davon ausgehen dass sie die Reise nicht überleben würde. Hätte ich mich für eine Kombination mit langer Hose entschieden, wäre eine durchgehende „Schutzschicht“ über den Leggins gegeben.
- 15,00 € vs. 40,00 €. Meine grundsätzliche Geringschätzung von Leggins widerspricht einem Preisunterschied von 166 %.
Warum kein Merino-Longsleeve?
- Körperklima- und Flüssigkeitshaushaltskontrolle. Ja, Merino ist traumhaft weich, verhältnismäßig luftdicht und trocknet irre schnell, aber sobald ich das anhabe und ich es wage mich zu bewegen, fange ich sofort an zu schwitzen. Ich verliere also zwei wichtige Faktoren: angenehmen Fahrtwind und viel Flüssigkeit.
Das Körperklima lässt sich durch die Kombination Netzunterhemd und Hemd überraschend gut beherrschen. Werde ich auch zukünftig so machen und kann ich bei diesem Klima wärmstens empfehlen. - Bereits als Reservekleidung für die Rückfahrt eingepackt.
Als Witterungskleidung waren Lederhandschuhe, Basecap, ein Windbreaker und eine Regenjacke am Start. Selbstverständlich zierte während der Fahrt stets ein Helm mein Haupt – so ein Helm ist zwar hässlich, aber das ist ein Schädelbasisbruch auch.
Die Reservekleidung bestand aus Schlüppi, Socken, einer Wanderhose, einem Merino-Longsleeve und Barfußschuhen.
Den Großteil meiner Ausrüstung verstaute ich in einem Berghaus „Munro“. Der verfügt über ein großes Hauptfach mit 35 Liter Fassungsvermögen und einer robusten Aluminiumstrebe, ein Deckelfach, gepolsterten Schultergurten, einem breiten Hüftgurt, Packschlaufen an der Unterseite und je zwei Kompressionsriemen an den Seiten. Als Schutz vor Regen kam eine Regenschutzhülle über den Rucksack.
Nachlass, letzter Wille, Organspendeausweis
Ein Thema das in unserer Gesellschaft häufig nicht diskutiert wird weil es Unbehagen bei vielen Verursacht, ist die Regelung des Nachlasses und der letzte Wille.
Mir war bewusst, dass ich durch die Reise einige außerordentliche Risiken auf mich nehmen würde. Dadurch dass ich allein unterwegs sein würde, war das Risiko nochmal größer.
Sollte es also dazu kommen, dass ich ohne Bewusstsein an Lebenserhaltungsmaschinen angeschlossen wäre, oder gar verstürbe, wäre es eine unverhältnismäßige Zumutung für meine Liebsten zu entscheiden wie weiter zu verfahren wäre.
Also hinterlegte ich bei der Mutter meiner Tochter einen versiegelten Briefumschlag, in dem ich folgende Punkte klarstellte:
- Verfahren bei Lebenserhaltung durch Maschinen
- Aufteilung meines Nachlasses
- Bestattungsform
- Bereitschaft zur Organspende
Zu guter letzt, packte ich meinen Organspenderausweis in eine wasserdichte Verpackung und packte ihn zu meinen anderen Wertsachen in eine Bauchtasche.
Die Reise beginnt…
Tag 1
Am 12.08.19 um ca. 10:30 Uhr legte ich los. Voller Tatendrang und bei überraschend gutem Wetter machte ich mich auf den Weg meiner ersten Etappe (Tagesziel 100 km) nach Norden.

Es dauerte ca. eine Stunde bis ich mich mit meiner Ausstattung, dem Fahrrad und dem Navi eingegroovt hatte. Noch kannte ich die Umgebung, daher musste ich mich weniger auf die Navigation konzentrieren und konnte die Region um Wuppertal herum mit anderen Augen betrachten. Schönes Land, Bergisches Land.
Den ersten Stopp machte ich mit ca. 25 km Abstand zu Wuppertal. Bereits bei diesem kurzen Abschnitt zeigte sich, dass der Schlauch der Trinkblase nicht optimal am Schulterriemen des Rucksacks verlief – um einen Schluck zu trinken musste ich saugen wie ein Kölner Schauspielakademie-Absolvent mit Karriereabsichten. Nach einigen erfolglosen Optimierungsversuchen ließ ich den Schlauch einfach neben mir herabhängen, er sollte mir von da an keine weiteren Probleme bereiten.
Die Sonne strahlte vom Himmel auf mich herab und meine Laune war trotz des hügeligen Geländes hervorragend.
Das sollte sich, nach einer Portion gebratener Nudeln für 3,00 € in Dortmund, am Hamm-Datteln-Kanal ändern. Die Schleusen des Himmels öffneten sich, zeitgleich fing mein Hintern an zu brennen und der untere Rücken beklagte sich über die Sitzhaltung in Kombination mit dem schweren Gepäck.
Ich suchte Zuflucht unter einer Brücke, warf mir die Regenjacke über, legte mich auf den Boden, aß noch eine Kleinigkeit und dann trat ich wieder in die Pedale.
Der Regen ließ irgendwann nach. Von den Schmerzen in Rücken und Hintern ließ ich mich nicht abhalten weitere Kilometer abzuarbeiten, aber ich fragte mich, ob mein innerer Schweinehund nicht irgendwann das Bellen anfangen würde. Die Landschaft hat mich nun nicht mehr interessiert, nur noch das Etappenziel war wichtig, dem ich stetig näher kam.
Ich legte immer häufiger Kurzpausen ein um meinen Körper aus der MTB-typischen Zwangshaltung herauszuholen, es standen ja noch vier Tage bevor auf die ich meine Kräfte aufteilen musste.
Nach grob 9 Stunden Reise (inkl. Pausen) hatte ich laut Navi 108 km erreicht. Ich war an dem Örtchen Vellern – ca. 25 km vor Gütersloh – angekommen und beschloss nun ein Fleckchen zu finden um mein Nachtlager aufzuschlagen.
Ich folgte also, gemächlich in die Pedale tretend, dem Navi entlang der Route und hielt Ausschau nach einer geeigneten Baumgruppe um mein Tarp aufzuspannen. Nach ca. 10 Minuten wurde ich fündig: auf dem Grundstück eines Bauernhofs stand eine Baumgruppe, sowie eine freundlich wirkende Dame die mit einer Gießkanne einzelnen Zierpflanzen mit Waterboarding drohte.
Dies sollte das erste Mal für mich sein, dass ich eine fremde Person frage ob ich auf ihrem Grundstück mein Nachtlager aufschlagen könne. Dies sollte während dieser Reise das einzige Mal sein, dass mir dies gestattet würde.
Das Lager war schnell errichtet und meine Laune verbesserte sich nach dem verregneten Nachmittag. Nur das andauernde Plätschern von Regentropfen, die noch nicht aus den Baumkronen abgeregnet waren, erinnerte noch an das miese Wetter.
Die Gesäß- und Rückenschmerzen waren nach einem ermutigenden Telefonat mit einem alten Freund und erfahrenen Radsportler erträglich geworden. Würde ich in dieser Nacht etwas Erholung finden und den Kaltstart am nächsten Morgen gut verkraften wäre das Endziel wirklich erreichbar.
Noch schnell die eigene Lage an meine Freunde und Verwandten gemeldet, dann ging’s ab in den Schlafsack. Morgen würde ich mir etwas überlegen um den Rücken zu entlasten.

Beim Lagerbau habe ich zuerst auf die Kombination mit Tarp und Hängematte gesetzt, mich dann aber bei zunehmender Kühle gegen die Hängematte, und für Isomatte und Schlafsack entschieden.
Tag 2
Ich erwachte gegen 08:00 Uhr, lag tatsächlich unter dem Tarp inmitten einer Baumgruppe, neben mir der Drahtesel an einen Baum gelehnt – das war dann wohl doch kein Traum. Und es war trocken geblieben. Nachdem ich mich frisch gemacht und alles zusammengepackt hatte, stieg ich, voller Skepsis vor dem Kaltstart, in Zeitlupe auf’s Rad – inklusive einer hochgezogenen Augenbrauche.
Als der Hintern den Sattel berührte war das hässlicher als drei volltrunkene Engländerinnen nach der Sperrstunde am Taxistand. Nie wieder würde ich ohne physische Vorbereitung so einen Quatsch starten – ganz so wie man nach einem derben Besäufnis der Welt verspricht nie wieder Alkohol anzurühren.
Frühstück gab’s nach wenigen Kilometern in Oelde an einer Tankstelle. Meine Blasen konnte ich dort auffüllen, die Toilette nutzen und Eileen kennenlernen. Sie sprach mich ganz offen auf meine Ausrüstung an und erklärte, gerade einen Artikel über zwei Radfahrer auf Welttour in der Tagezeitung „die Glocke“ (vom 13.08.19) veröffentlicht zu haben.
Sie bestand darauf mir Gebäck auszugeben und wünschte mir alles Gute für die Reise. Süße, selber alles Gute!

Dann wurden Kilometer gefressen. Ich passierte Gütersloh und Bielefeld, musste mir zwischendrin eine Grifferhöhung und den Schlafsack weg vom Rucksack an den Sattel basteln.

Nach 156 Gesamt-km war Bielefeld die erste Großstadt dessen Zentrum ich laut Route passieren sollte. Der Straßenverkehr zeigte sich als überraschend angenehm und rücksichtsvoll, nur die Fußgänger mussten ab und zu zwecks Sensibilisierung erschreckt werden wenn sie gerade wieder auf den Radwegen tagträumten.
Als ich durch Herford fuhr, fing es wieder an zu regnen. Das war nicht sehr zuträglich für meine Laune, da ich bei Regen auch immer an das Nachtlager dachte, aber das lenkte mich immerhin von den Schmerzen durch die müde Rückenmuskulatur ab.
Über den schlechten Zustand der Radwege fluchend, kämpfte ich mich vorbei an Bad Oeynhausen, Minden und Petershagen. Nach Ovenstädt hatte ich das Tagesziel von 218 Gesamt-km erreicht und wurde am Rande des Naturschutzgebiets Weseraue auf der Suche nach einem Lagerplatz fündig.

Tag 3
Die Nacht war trocken und um 06:00 Uhr vorbei. 15 Minuten später saß ich auf dem Rad und jagte meinem immer näher rückendem Ziel entgegen. Der Kaltstart war heute viel erträglicher und die durch den morgendlichen Dunst scheinende Sonne, dessen Licht sich im auf allen Pflanzen liegenden Morgentau brach, kündigte an, dass das Wetter toll werden würde.
Gegen 07:00 Uhr fuhr ich an einem Hof vorbei der mit Kaffee, Frühstück und einer Sitzecke warb. Es gab eine offiziell wirkende Klingel – also klingelte ich.
Kurz daraufhin kam eine mitt-fünfzigjährige Frau, eingewickelt in einen Bademantel, und mit Augen die sich weigerten den Beginn des Tages zu akzeptieren, aus dem Haus. Nachdem ich mich tausendfach entschuldigte und ihr klargemacht hatte, dass ich noch keinen Kaffee hatte, befahl mir ihr bosnischer Akzent mich gefälligst zu setzen.
Nach einem halben Liter Kaffee und diversen Zigaretten bedankte ich mich für das Gespräch, füllte meine Wasserblasen auf, verabschiedete ich mich und trat wieder in die Pedale nachdem sie mir die Nutzung ihrer Toilette verweigerte. Naja, hier gab’s ja auch genug Wald.

In Schweringen wanderte das Reparaturkit, Ersatzmantel und Ersatzkette vom Rucksack in das Tarp-Bündel ans Oberrohr des Fahrrads. Danach setzte ich mir einer schnuckeligen Fähre für 2,00 € über die ca. 50 Meter breite Weser.
Immer wieder kamen mir junge Radfahrer entgegen, die die Hände nicht am Lenker hatten – da wurde ich neidisch. Um dem Rücken Abwechslung zu bieten, versuchte ich mich also im freihändigen Fahren. Habe das dann nach ca. 15 Beinaheunfällen gelassen.
Es war Zeit meine Reise-Halbzeit zu feiern und meinem Körper etwas Pause zu gönnen. In Hassel, bei ca. 273 Gesamt-km stand ein vielversprechender Burger-Wagen mit zwei bärtigen jungen Männern an Bord.
Ich bestellte den „größten und besten Burger“ den sie hatten und bat darum meine Powerbank bei ihnen aufladen zu können. Wir fingen direkt an über spontane Reisen, Backpacking und nachhaltige Nahrungsmittel zu quatschen. Und irgendwann auch über gesellschaftsdynamische Entwicklungen, Vertrauen und Gemeinschaftsgefühl. Sympathische Jungs – bleibt so wie ihr seid und gebt mal bescheid wenn ihr in Wuppertal seid.
Bevor ich’s vergesse: das war der beste Burger den ich seit Jahren gegessen habe.

Next Stop at Rotenburg (Wümme) bei 317 Gesamt-km. Ich hatte die Schnauze voll von Rückenschmerzen und brauchte eine aufrechtere Sitzposition, also zog ich das Fahrradtool aus dem Tarp-Bündel und drehte die Griffe am Lenker nach oben. Einer der Kunststoffstopfen der Griffe hatte sich in der Vergangenheit bereits verabschiedet und ich hatte keine Lust mir den Handballen aufzuscheuern, also steckte ich einen verpackten Müsliriegel in den Griff, knickte das herausstehende Ende um und befestigte alles mit Tape. Und weiter ging’s.
Das Nachtlager schlug ich rein zweckmäßig am Rande des Königsmoors bei 335 Gesamt-km auf. Der Körper brauchte dringend Ruhe und am nächsten Morgen würde ich das ca. 30 km entfernte Hamburg angreifen.


Tag 4
Die Nacht war zwar trocken, aber schäbig wie das Kölner Pascha an einem Sonntagmorgen bei Putzlicht.
Immer wieder aufgewacht, zwischendrin üble Albträume. Bei Sonnenaufgang brach ich das Lager ab und setzte mich mit einem tauben Gefühl im Kopf in Marsch. Heute würde Hamburg durchstoßen – da ersang ich mir aus vollem Halse Mut und Angriffslust. Und der Himmel kündigte Regen an.
Sobald ich die „Freie und Hansestadt“ Hamburg erreichte, warf sie mir alles entgegen um sich vor meiner Penetration zu schützen. Hauptsächlich Regen. Und es sollte bis zum Abend nicht aufhören.
Ich legte gegen Mittag einen Zwischenstopp im Einkaufszentrum „Hamburger Meile“ ein. Ich brauchte neue Müsliriegel, Wasser und eine warme Mahlzeit. Aber was mich dort erwartete – darauf war ich nicht vorbereitet.
Ich schloss meinen Drahtesel an einem Außengeländer an, schritt durch die Doppeltür und betrat eine Welt von Kitsch, Gemütlichkeit und Luxus. Polierte Böden, Dessous-Läden, Nagelstudios mit Massagesesseln, Botox-Kuren, Swarovski-Fußgelenkkettchen und Omega-Armbanduhren – das war alles nichts neues für mich, stand aber in so einem krassen Kontrast zu meinem Befinden, meinen Erlebnissen der vergangenen Tage und meiner aktuellen Lebensweise, dass meine Stimmung kippte. Ich wurde fuchsteufelswild.
Beflügelt durch meine Abscheu waren Rücken, Gesäß, Beine und Regen egal und ich war im Handumdrehen in Bad Segeberg – Home of the famous Karl-Marx-Festspiele. Hier musste ich dann doch mal Pause machen und suchte vor dem Regen Schutz in einer Bushaltestelle. Ich ließ mich von einem alten Hamburger Ex-Taxifahrer zulabern, der ebenfalls mit dem Rad unterwegs war und machte mich nach 20 Minuten auf den Weg zum Abschluss meiner heutigen Etappe.
Die Suche nach einem geeigneten Lagerplatz begann ab Wardersee bei 445 Gesamt-km, und erwies sich schwieriger als gedacht. Meine Route führte mich zwar durch eine Region mit geringer Bevölkerungsdichte, die Gegend war aber auf den Ostsee-Tourismus ausgerichtet. Kaum Wälder und Baumgruppen die nicht umzäunt waren, einzelne Baumreihen zwischen Feldern und Landstraßen die keinen ausreichenden Sichtschutz boten, kein Unterholz, alles aufgeräumt.
Dazu kam ein plötzlich auftretender, lang anhaltender starker Regen. Nass und abgekämpft wie ein Blinder nach einer Stunde im Moshpit begann ich an Haustüren zu klingeln und fragte mich durch, ob ich die Nacht unter dem Carport oder zumindest auf dem Grundstück im Garten im Schlagschatten von ein paar Bäumen, verbringen könnte.
Während ich überall abgewiesen wurde fuhren hinter meinem Rücken 5er BMWs und E-Klassen mit Pferdeanhängern in Richtung Ostsee.
Ich beschloss mich nicht weiter durchzufragen, der Route zu folgen und die Augen nach einem schönen Plätzchen offen zu halten. Ich hatte noch ca. 2 Stunden bis Sonnenuntergang und wollte dass das Lager bis spätestens 20:30 Uhr steht.
Die Route führte mich an touristischen Attraktionen vorbei, an Reichtum um Bequemlichkeit. Der Regen hatte mittlerweile nachgelassen und die Sonne begleitete mich in den Abend hinein.
Zwischen Süsel und Middelburg wurde ich dann fündig: ca. 20 Meter von einem Pferdehof entfernt fand ich eine unaufgeräumte, große Baumgruppe mit einem großen Erdloch in dem diverser Schrott und Baumaterialien „entsorgt“ wurden. Bis dahin war ich beim 471. Gesamt-km angekommen.
Da auf dem Pferdehof viel Bewegung war, wartete ich eine Stunde mit dem Lagerbau um zu überprüfen ob hier Menschen vorbeikommen würden.
Als die Dunkelheit einbrach schlug ich das Lager auf. Meine Ausrüstung war fast vollständig nass geworden, meine Kleidung war das selbstverständlich schon seit Hamburg – trotz Regenjacke. Vor Wut auf Luxus, Dekadenz und die Arschlöcher die mich abgewiesen haben bin ich dann eingeschlafen. Ich hatte Bock auf den nächsten Tag – der Sieg war greifbar.

Tag 5
Die Nacht blieb ereignislos und trocken, bis auf die abtropfende Restfeuchtigkeit aus den Baumkronen die ein permanentes Hintergrundgeplätscher bot. Das änderte allerdings nichts daran, dass das Klima innerhalb des Schlafsacks tropisch war. Mit nassen Klamotten rein – mit nassen Klamotten wieder raus.
Scheiß’ drauf – Lager zusammenräumen, Zwischenstopp beim erst besten Laden bei dem ich Kaffee und ein belegtes Brötchen bekommen konnte und dann das mittlerweile nur noch 33 km entfernte Ziel erreichen.
Nach Neustadt und Grömitz dann das Ziel: Dahme.

Kurz nach dem Ortseingang kannte ich mich wieder ein bisschen aus. Laut Navi war ich am Ziel angekommen, aber ich musste noch zum Campingplatz „Stieglitz“, dann über den Deich und ins Meer.
Die Orientierung war einfach: ran an den Deich und dem dann nach Norden folgen, bis der Campingplatz auftauchen würde.

Auf dem Campingplatz „Stieglitz“ durfte ich dann duschen. Die Ersatzkleidung hatte die Reise in der Satteltasche unbeschadet und trocken überstanden und tauschte den Platz mit meiner verdreckten Fahrradbekleidung.
Nun gönnte ich mir ein zweites Frühstück am Deich und legte die Beine hoch bevor die Rückfahrt mit Bus und Zug starten sollte.
Den krönenden Abschluss meiner Reise machte Marc. Er hatte das Radl gesehen und wir unterhielten uns übers Reisen, Schnapsideen, Vorurteile, Arschlöcher und tolle Menschen. Und über Wuppertal – wir kamen rein zufällig aus der gleichen verregneten Stadt.

Abschluss
Nachdem ich wieder im schönsten Tal der Welt ankam und der gigantische Dopaminrausch abklang wurde die Ausrüstung nachbereitet und entspannt. Ich wollte meinen Körper nach den Strapazen genau beobachten – immerhin war ich nun seit einigen Tagen im Übertraining und hatte mir eine Zecke aus der Hüfte ziehen müssen. Sollte es Auffälligkeiten geben, würde ich bei einem Arzt auf der Matte stehen und mich komplett durchchecken lassen.
Ich hatte erwartet, dass ich nach der Reise andere Menschen offener und unvoreingenommener sehen würde, aber ich habe den Eindruck als hätte ich Vorurteile aufgebaut. Und ein Überlegenheitsgefühl gegenüber Menschen, die sich solche Umstände nicht zumuten würden.
Dass das nicht gut ist, ist mir bewusst. Ich werde die Reise noch ein Weilchen verdauen müssen, aber bin froh, sie gemacht zu haben.
Handelt angemessen
Nepomuk
Bravo Nepi!
Du bist ein guter spannender erzähler!
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Richtig genial geschrieben. Da kann ich ja noch viel lernen….
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Vielen Dank dir 🙂
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